»Fremde Beherbergen« (Archiv)

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Einführung

Sieben Werke der Barmherzigkeit
Bis heute gelten die »Sieben Werke der Barmherzigkeit« als ideelles Fundament diakonischer Arbeit: Sechs von ihnen gehen zurück auf die sogenannte Endzeitrede Jesu im Neuen Testament (Evangelium des Matthäus, Kap. 25). Die von Jesus formulierten Ansprüche wurden in verschiedenen Zeitaltern sehr unterschiedlich interpretiert. Dies wird in dieser Ausstellung anhand des Auftrages »Fremde (zu) beherbergen« dargestellt.
Der Auftrag wird heute hauptsächlich mit christlicher Flüchtlingshilfe in Zusammenhang gebracht, hat aber eine viel weitere Bedeutung.


Pieter Breughel d. J. (ca. 1564–1638): »Die Sieben Werke der Barmherzigkeit«. Öl auf Eichenholz, Privatbesitz
© Wikipedia


»Die Sieben Werke der Barmherzigkeit«. Altarbild von Annemarie Naegelsbach in der Philippuskirche Rummelsberg
© Diakoniemuseum Rummelsberg


»Die Sieben Werke der Barmherzigkeit«. Nachstellung des Altarbildes der Philippuskirche Rummelsberg von Annemarie Naegelsbach (1896–1985) durch Studierende des Studienganges Diakonik (2021).
© Moritz Grothusen (Fotos), Jochen Kleinhenz (Montage)

Gastfreundschaft im Mittelalter
Die Gastfreundschaft gegenüber Fremden besitzt bis heute in vielen Kulturen einen hohen Stellenwert. Für das junge Christentum betonte der Apostel Paulus ausdrücklich: »Herberget gern!« (Röm 12, 13).

Die ursprünglich bischöfliche Aufgabe ging im Laufe der Zeit auf die Klöster über. Das »hospitium« (von lat. hospes = Gast, Fremder) nahm nicht nur durchreisende Pilger auf, sondern auch arme und kranke Menschen. Die neuen Pflegeeinrichtungen nannte man auch »Hospitäler« oder »Spitäler«. Das Gebot der Beherbergung war also eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der Krankenfürsorge im Mittelalter.


Krankenpflege und ärztliche Behandlung in einem Hospital (Mitte 15.Jh.)
Domenico di Bartolo Ghezzi (um 1400–1447). Fresko, Siena, Ospedale di Santa Maria della Scala (Sala dell‘Infermeria).
© picture alliance


Krankenstube des 16. Jahrhunderts. Holzschnitt von 1565.
© picture alliance

Flucht und Vertreibung aus Glaubensgründen in der Frühen Neuzeit
Im Gefolge der Reformation wurden in Europa Hunderttausende von Menschen zu Vertriebenen aus Glaubensgründen. Protestantische Länder wie das Kurfürstentum Brandenburg (später Preußen), das Herzogtum Württemberg oder die fränkischen Fürstentümer Brandenburg-Ansbach und Brandenburg-Bayreuth nahmen Emigranten aus katholischen Ländern wie Frankreich (Hugenotten) oder Österreich (Exulanten) vorwiegend aus wirtschaftlichen Interessen auf.

Ein sehr frühes Beispiel evangelischer Flüchtlingsfürsorge bietet die Grafschaft Ortenburg, wo Reichsgraf Friedrich Casimir 1625 in Vorder- und Hinterhainberg die Ansiedlung von Familien aus dem benachbarten Oberösterreich ermöglichte.

1732 zogen tausende von vertriebenen protestantischen Salzburgern durch Süddeutschland, um sich in Preußen, den Niederlanden oder den USA neu anzusiedeln. Sie fanden in Samuel Urlsperger, dem Pfarrer der St. Annakirche in Augsburg einen entschiedenen Fürsprecher. Ihre Begrüßung und »Erstversorgung« in der Reichsstadt Augsburg ist in den üppig gestalteten »Exulantenbüchern« beschrieben.


»Richtige Marschkarten der salzburgischen Emigranten oder deren Zug durch Saltzburg durch das Reich in die Königl. Preußischen Lande.« (Nürnberg 1732)
© Landesarchiv Salzburg


Hausinschrift in Großau/Christian bei Hermannstadt/Sibi in Siebenbürgen (Rumänien)
© Stefan Jammer


Empfang der Salzburger Protestanten in Augsburg
© Exulantenbücher des Ev.-Luth. Dekanats Augsburg


Die Flucht der Reformierten aus Frankreich. Kupferstich von Jan Luyken
Elias Benoit, Historie der Gereformeerde Kerken van Vrandkryk, Amsterdam 1696


Ortsteil Hinterhainberg in Ortenburg (Niederbayern)
Foto: Ingo Reimer, Alfons Niederhofer


Migration im 19. und frühen 20. Jahrhundert

»heimatfremde und wandernde« Bevölkerung
Die Pioniere der Inneren Mission wie Johann Hinrich Wichern (1808–1881) hatten sich auch Unterstützung für die »heimatfremde und wandernde Bevölkerung« auf die Fahnen geschrieben. Dazu zählte man beispielsweise (deutsche, evangelische und meistens männliche) reisende Handwerksgesellen, Eisenbahnarbeiter, im Ausland tätige Kellner, Seeleute und Binnenschiffer sowie Auswanderer mit ihren Familien. Menschen, die vor Krieg, staatlicher Willkür und Gewalt nach Deutschland flohen oder dorthin aus ihrer Heimat vertrieben wurden, gab es im 19. Jahrhundert nicht.


Besuch des Flußschiffermissionars (19. Jh.)
© AEDWE, Berlin, Bildersammlung BA/CA Negative 6.07.5


An Bord eines Auswandererschiffes (1892)
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus, Dauerleihgabe Initiativkreis Deutsches Auswandererhaus e.V.

Hilfsstellen für »nichtarische Christen« (1939–1941)
In der NS-Zeit entstanden in München und Nürnberg im Januar 1939 mit den »Hilfsstellen für nichtarische Christen« zwei den Zeitumständen geschuldete außergewöhnliche Beratungsstellen. Sie gehörten zu den 20 Zweigstellen des »Büro Grüber« in Berlin. Die mit Abstand wichtigste Aufgabe dieser Stellen unter der Leitung der Pfarrer Johannes Zwanzger (1905–1999, München) und Hans-Werner Jordan (1908–1978, Nürnberg) war es, jüdischen Familien zur Auswanderung aus Deutschland zu verhelfen. Die Beratungsstellen arbeiteten improvisiert und unter ständiger Beobachtung der Gestapo. Ihre Arbeit endete mit dem Emigrationsverbot für Juden zum 1. Oktober 1941.

Wie vielen Menschen mit Hilfe der Beratungsstellen die Auswanderung gelang, ist nicht genau klar. In München wurden 534 Personen betreut, von denen 65 die Auswanderung gelang. Für die Nürnberger Zweigstelle gibt es keine Zahlen.


Dokumente der Beratungsstelle für »nichtarische Christen«
© LAELKB, DW Bayern 1318


Organisation der Auswandererhilfe
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert verließen Millionen von Menschen Europa, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Allein aus Bayern waren es bis zum Jahr 1900 über eine halbe Million Menschen. Der Neuendettelsauer Pfarrer Wilhelm Löhe war 1841 der erste, der sich Gedanken darüber machte, wie die Kirche diesen Auswanderern zur Seite stehen könnte.

Erst 1897 wurde in Witzenhausen (Hessen) der »Evangelische Hauptverein für Deutsche Ansiedler und Auswanderer« gegründet. Er war eng mit der am gleichen Ort ansässigen Deutschen Kolonialschule verbunden und sah sich eher als vaterländischer Hüter des Deutschtums denn als christlich-konfessionelle Beratungsstelle. Zahlreiche bayerische Pfarrer waren dem Hauptverein als Berater verbunden. Der 1886 gegründete bayerische Landesverein für Innere Mission fungierte als dessen »Zweigverein«.

1925 produzierte die Regisseurin Gertrud David im Auftrag der Inneren Mission den Dokumentarfilm »Vom Unsichtbaren Königreich«. Unter den Arbeitsbereichen, die vorgestellt werden, ist auch die Auswanderermission. Der Film zeigt verschiedene Auswanderer auf der Zugfahrt nach Hamburg und ihre Betreuung durch die dortige Auswanderermission.


Oben: Mitgliedskarte des Evangelischen Hauptvereins für Deutsche Ansiedler und Auswanderer (1922)
Unten: Beratungsurkunde des Evangelischen Hauptvereins für Deutsche Ansiedler und Auswanderer
© LAELKB, DW Bayern 1365


Fahrplan der Hamburg-Amerikalinie (1928)
© LAELKB, DW Bayern 1367


Fotopostkarte Neuer Kaiserhafen Bremerhaven (1909)
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus, Schenkung Ute Gräf

Beratung und Begleitung
Die Ortspfarrer waren angehalten, den Auswanderwilligen zunächst ihr Anliegen auszureden und dann, wenn dies nicht gelang, Kontakte zu den Auswanderermissionen in Bremen und Hamburg herzustellen. Dort wurden die Auswanderer empfangen und in Quartieren untergebracht. Kurz vor der Abreise fanden Abschieds­gottesdienste statt. Während der Überfahrt wurden zahlreiche Paare getraut, allerdings meist von Pfarrern, die nur zufällig an Bord waren. In New York wurden die Auswanderer im Idealfall von Vertretern der evangelischen Kirchen in Empfang genommen.

Nach dem Ersten Weltkrieg begann auch der Landesverein für Innere Mission in Nürnberg mit direkter Beratungs- und Hilfstätigkeit: Man organisierte Familienzusammenführungen, holte Erkundigungen über künftige Arbeitgeber in Übersee ein oder half bei der Ausarbeitung von genauen Reiseplänen.

Innere Mission und Diakonie setzten ihre Auswandererberatung auch nach dem Zweiten Weltkrieg fort. Die letzte bayerische Beratungsstelle stellte erst Ende 2022 ihre Arbeit ein.


Oben: Plakat »Abschiedsgruß« (nach 1945)
Unten: Geleitkarte der Evangelischen Auswanderermission Bremen (1926)
© für beide: LAELKB, DW Bayern 1372 und 1367


Abmarsch vom Auswandererheim zur Einschiffung (Hamburg, Ende 19. Jh.)
© AEWDE, Berlin, Bildersammlung BA XIV.2


Oben: Broschüre »Auf dem Wege in die Neue Welt« (1920er Jahre)
Unten: Handzettel für Auswanderer nach Amerika des »Norddeutschen Lloyd« (1927)
© für beide: LAELKB, DW Bayern 1365


Wilhelm Löhes Auswandererhilfe
Pfarrer Wilhelm Löhe (Neuendettelsau) beschäftigte sich ab 1841 mit der geistlichen Not der deutschen Lutheraner in Nordamerika. Er bildete privat zwei junge Männer zu Missionaren aus und entsandte sie in die USA. Später gründete er mit dem Nürnberger Lehrer Friedrich Bauer die »Missionsvorbereitungsanstalt für Fort Wayne«, aus der später das bayerische Missionswerk (heute Mission EineWelt) hervorging. Ab 1845 sammelte und betreute Löhe Auswandergruppen aus Franken. Die erste dieser Gruppen gründete die Siedlung Frankenmuth (Michigan).

Wilhelm Löhe ist einer der Gründerväter der evangelischen Auswandererarbeit in Deutschland.


Wilhelm Löhe (1808–1872)
© Löhe-Zeit-Museum Neuendettelsau


Reiseweg der ersten Auswanderergruppe aus Neuendettelsau nach Frankenmuth (Michigan) im Jahr 1845
Ausgangsorte: Neuendettelsau und Roßtal (Mfr.)


Landkarte Nordamerika
© Löhe-Zeit-Museum Neuendettelsau


Zeichnung »Gründerzeit von Frankenmuth«
© Historical Museum Frankenmuth (Michigan)


Rekonstruierte Blockhütte in Frankenmuth (Michigan/USA)
© Hermann Vorländer

Herbergen zur Heimat
Das Prinzip dieser Herbergen ging auf die 1854 gegründete »Neue Gesellenherberge zur Heimath« in Bonn zurück: Man bot wandernden Handwerksgesellen und später heimatlosen Wanderarbeitern Möglichkeiten zur Unterkunft, Reinigung und Zusammenkunft. Man fürchtete damals, dass »… das Wandern in seiner heutigen Entartung nicht nur ein sittenloses und revolutionäres, sondern auch ein gottloses Handwerks­geschlecht in Deutschland groß ziehen läßt …« (Clemens Theodor Perthes 1856).

Die erste bayerische »Herberge zur Heimat« wurde 1870 in München eröffnet (siehe Landkartenwand). Bis 1905 folgten weitere 16 Häuser. Im Vergleich zu den 454 Herbergen, die es 1914 in ganz Deutschland gab, war das nur wenig industrialisierte Bayern also eher schwach vertreten.


Jahresstatistik der »Herberge zur Heimat« in Schweinfurt (1924)
© LAELKB, DW Bayern 1318


»Herbergs-Verkehrs-Übersicht der bayerischen Herbergen« (1910)
© LAELKB, DW Bayern 1318


Broschüre »Der Kampf gegen den Alkoholismus insbesondere durch die Herbergen zur Heimat«
© Sonderdruck aus »Der Wanderer« 2–4 (1892)


»Wofür ist der Alkohol gut!« – Stammverse für Stammgäste (von Herbergen zur Heimat)
© Sonderdruck aus »Der Wanderer« 2–4 (1892)


Ein weiteres Element der »Wandererfürsorge« waren die »Wanderarbeitsstätten«, in denen wohnungslose Arbeiter sich ihre Unterkunft durch Arbeit verdienen konnten. Sie waren oft mit den »Herbergen zur Heimat« verbunden.

Herbergen zur Heimat, Wanderarbeitsstätten und Arbeiterkolonien waren letztlich dem gleichen diakonischen Gedanken verpflichtet. Auf dem Titelblatt der gemeinsamen Zeitschrift »Der Wanderer« findet sich der ausdrückliche Hinweis auf die Bibelstelle »Fremde beherbergen« (Mt. 25) als Leitwort aller Arbeit. Die Darstellung der Klienten zeigt, worauf es bei der Wandererarbeit ankam: Es ging nicht darum, die Wanderer irgendwie über den Winter zu bringen, sondern neue, bessere Menschen aus ihnen zu machen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich aus der »Wandererfürsorge« die »Nichtseßhaftenhilfe« (1954), später die »Obdachlosenhilfe« und »Wohnungslosenhilfe«.


Spenden- und Fürsorgescheine (ohne Datum)
© LAELKB, DW Bayern, 1321



Wanderkarte der Verpflegungsstationen
© Hauptarchiv der Bodelschwingh’schen Stiftungen Bethel, Sammlung Hannes Kiebel


Übersichtskarte des Verbandes der christlichen Hospize
© Verband christlicher Hospize (Hg.): Christliche Hospize (Bildband). Berlin o.J. (um 1930)

Arbeiterkolonien
1882 wurde bei Bethel (Ostwestfalen) die erste »Arbeiterkolonie« eröffnet. Sie sollte arbeitslosen Wanderarbeitern die Rückkehr in ein seßhaftes Arbeiterleben ermöglichen. In Bayern entstanden solche Arbeiterkolonien 1888 auf dem Simonshof (Bastheim/Unterfranken) und 1894 in Herzogsägmühle (Peiting/Oberbayern).

Die »Hausordnung der Arbeiterkolonie Simonshof« reglementierte in 51 (!) Vorgaben das Sozialleben in der Einrichtung bis ins kleinste Detail – vom Verbot, allein den Sonntagsgottesdienst in den benachbarten Kirchdörfern zu besuchen bis zur Anordnung, dass zur Reinigung der Schuhe »das vor jeder Thüre befindliche Kratzeisen« zu benützen sei. Alkohol war streng verboten. Das Motto lautete: »Für den Fleißigen entsprechende Hilfe, für die Faulenzer stramme Zucht.« (Friedrich von Bodelschwingh).


Arbeiterkolonie Simonshof (1887)
© Caritas Würzburg


Haus-Ordnung der Arbeiter-Kolonie Simonshof. Schweinfurt 1888


Arbeiterkolonie Herzogsägmühle (1920, Postkarte) und um 1900
© Archiv Diakonie Herzogsägmühle


Die bayerischen Herbergen zur Heimat und Arbeiterkolonien (um 1905).
Angaben nach Braun, Karl: Geschichte und Bestand der bayerischen Herbergen zur Heimat In: Blätter für Innere Mission 44 (1929), Nr. 9.


Wanderer in der Arbeiterkolonie Herzogsägmühle (um 1900)
© Lernort Sozialdorf Herzogsägmühle

Weitere Bausteine der Fremdenfürsorge
Am Berliner Ostbahnhof wurde 1894 die erste deutsche, 1897 in München die erste bayerische Bahnhofsmission gegründet. Zielpublikum waren junge Frauen, die in den Städten als Arbeiterinnen oder Dienstmädchen arbeiten wollten.

1904 schlossen sich 30 Hotels und Gasthöfe aus Deutschland und der Schweiz zum »Verband christlicher Hospize« zusammen. Man verpflichtete sich zu Andachten, musterhafter Sauberkeit, Ablehnung des Trinkzwanges, mäßigen Preisen und der Verwendung des Reingewinnes für die Innere Mission.

1929 verzeichnete der Verband 157 Mitgliedshäuser, davon zehn in Bayern. Rechtsnachfolger ist der Hotelverbund VCH mit rund 40 Hotels und Tagungshäusern. Schließlich bildeten sich verschiedene Organisationen zur Betreuung von Berufsgruppen mit hoher Mobilität heraus. Dazu gehörte etwa die »Kellnermission«, die in Cannes, Genf und London ihren Anfang nahm, oder die Binnenschiffer- und Seemannsmission, die in Bayern aber nur eine untergeordnete Rolle spielte. Überall stand die »christliche Beeinflussung bestimmter Zweige des wirtschaftlichen Lebens« im Vordergrund.


Plakat »Dringende Warnung an auswanderne Mädchen« (Anfang 20. Jh.)
© aus Nikles, Bruno: Soziale Hilfe am Bahnhof. Zur Geschichte der Bahnhofsmission in Deutschland (1894-1960), Freiburg 1994


Postkarte des deutsch-lutherischen Seemannsfürsorge-Verbands
© Diakoniemuseum Rummelsberg


Broschüre »Sterntor-Hospiz Nürnberg« (1920er Jahre)
© LAELKB, DW Bayern 1319


Fahrplan und Fahrpreise für die überseeischen Passagierdienste der Hamburg-Amerikalinie (Hapag) von 1928
© LAELKB, DW Bayern, 1367


Flucht und Vertreibung

Mit dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) begann in Europa ein Jahrhundert von Flucht und Vertreibung. Kirche und Innere Mission hatten sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) mit den Folgen von Massenmigrationen auseinanderzusetzen, die es in vergleichbarer Form zuvor nicht gegeben hatte.

Der biblische Auftrag »Fremde beherbergen« musste völlig neu interpretiert werden.


Flüchtlingsnot (1945)
© Archiv für Diakonie und Entwicklung, BA ZBB V.14/1

Flüchtlinge, Umsiedler und Vertriebene bis 1945
Im Sommer 1914 bildeten sich im Rheinland erste Hilfskomitees für vertriebene und geflüchtete Deutsche aus dem Elsass oder aus Belgien. Nach Kriegsende begannen kirchliche Stellen auch in Bayern, punktuelle Unterstützung für flüchtige Auslandsdeutsche zu gewähren.

Die ersten Fälle von konkreter Flüchtlingshilfe sind aus den Jahren 1923/24 aktenkundig: Im Juli 1923 benannte das Pfarramt Nürnberg-Wöhrd neun Gemeindemitglieder, die bereit waren, Flüchtlinge aus dem von Frankreich besetzten Ruhrgebiet bei sich aufzunehmen. Im Oktober 1924 beherbergte das Pfarramt Seibelsdorf (Oberfranken) die vermutlich aus Rußland stammende vierköpfige Familie Martin Becker.

Die erste umfassende, reichsweite Hilfskampagne der Inneren Mission, die sich der Flüchtlingsfrage widmete, war die Aktion »Brüder in Not«. Ab 1929 half sie deutschen Bauernfamilien in Südrussland, die dort unter dem Stalin-Regime litten und in großer Zahl nach Deutschland, Amerika oder in die Mandschurei flohen.

Ab den späten 1930er Jahren kam es unter dem Druck der NS-Volkstums- und Okkupationspolitik zu großen Migrationsbewegungen deutscher Volksgruppen, etwa aus Bessarabien oder Südtirol. Ab 1944 begannen dann die kriegsbedingten Fluchtbewegungen wie etwa die Flucht des donauschwäbischen Waisenhauses aus Neu Pasua (heute Nova Pazova, Kroatien) nach Rummelsberg. Die planmäßige Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus ihren Siedlungsgebieten im Südosten und Osten Europas schloß sich an.


Brief des Landesvereins für Innere Mission (Nürnberg) an den Zentralausschuß für Innere Mission (Berlin) v. 13.11.1924
© LAELKB, DW Bayern 1378


Bessarabiendeutsche im Durchgangslager Semlin 1940
© Wikimedia


Umsiedlung Bessarabien 1940
© Wikimedia


Plakat »Brüder in Not« (um 1930)
© LAELKB, Plakatsammlung


Plakat »Heim ins Reich!« (Südtirol 1939)
© wikipedia/Zintosch7


Zug mit Flüchtlingen aus Neu Pasua (Oktober 1944)
© Stiftung Neu Pasua, Reutlingen

Hilfsstellen für »nichtarische Christen« (1939–1941)
In der NS-Zeit entstanden in München und Nürnberg im Januar 1939 mit den »Hilfsstellen für nichtarische Christen« zwei den Zeitumständen geschuldete außergewöhnliche Beratungsstellen. Sie gehörten zu den 20 Zweigstellen des »Büro Grüber« in Berlin. Die mit Abstand wichtigste Aufgabe dieser Stellen unter der Leitung der Pfarrer Johannes Zwanzger (1905–1999, München) und Hans-Werner Jordan (1908–1978, Nürnberg) war es, jüdischen Familien zur Auswanderung aus Deutschland zu verhelfen. Die Beratungsstellen arbeiteten improvisiert und unter ständiger Beobachtung der Gestapo. Ihre Arbeit endete mit dem Emigrationsverbot für Juden zum 1. Oktober 1941.

Wie vielen Menschen mit Hilfe der Beratungsstellen die Auswanderung gelang, ist nicht genau klar. In München wurden 534 Personen betreut, von denen 65 die Auswanderung gelang. Für die Nürnberger Zweigstelle gibt es keine Zahlen.

Dokumente der Beratungsstelle für »nichtarische Christen«
© LAELKB, DW Bayern 1318

Von Carlshof (Ostpreußen) nach Rummelsberg
Die Carlshöfer Anstalten waren 1882 in der Nähe von Rastenburg (heute Kętrzyn, Polen) in Ostpreußen gegründet worden. Die Anstalten wurden 1939 vom NS-Staat liquidiert; fast alle Patientinnen und Patienten wurden im Rahmen der NS-»Euthanasie« ermordet.

Die Carlshöfer Brüderschaft überstand die Kriegsjahre und sammelte sich nach der Flucht gen Westen ab 1945 in Rummelsberg. 1947/48 traten 95 Carlshöfer Diakone der Rummelsberger Brüderschaft bei. Rektor Karl Nicol hatte immer wieder die Wichtigkeit der geistlichen Fürsorge für die heimatvertriebenen Ostpreußen betont.

Die »Carlshöfer« waren in allen Teilen Westdeutschlands, in der SBZ (später DDR) und sogar in der Schweiz eingesetzt. Der letzte ehemalige Carlshöfer Diakon August Behrendt starb 2007 im Alter von 96 Jahren bei Bopfingen.


Rektor Heinz Dembowski im Gespräch mit Patienten (um 1930)
© Diakoniemuseum Rummelsberg/Privat


Flüchtlinge aus Wolhynien (heute Ukraine) in Carlshof (Erster Weltkrieg)
© Diakoniemuseum Rummelsberg/Privat


Familie Dannehl vor der Bahnstation Carlshof (vor 1945)
© Diakoniemuseum Rummelsberg/Privat


Anstaltskirche in Carlshof
© Diakoniemuseum Rummelsberg/Privat


Haus »Tanne« der Anstalt Carlshof (vor 1914)
© Diakoniemuseum Rummelsberg


Carlshöfer Diakone (Auswahl)

© für alle: LAELKB, RB, Brüderschaft / Diakoniemuseum Rummelsberg / privat

oben, von links nach rechts
Eugen Baltrusch, Rudolf Bangel, Willi Bonacker, Heinrich Gawehns, Heinrich Gayk
unten, von links nach rechts
Friedrich Gollub, Friedrich Gross, Gustav Grzybowsky, Paul Grzybowsky, August Hermann


oben, von links nach rechts
Martin Huelsekopf, Franz Jendrian, Adam Jeworowski, Gustav Jordahn, Ernst Junker
unten, von links nach rechts
Rudolf Karlowski, Alfred Kernbach, Ernst Kilimann, Alexander Klein


oben, von links nach rechts
Alfred Kniffka, Arthur Krumm, Wilhelm Lappins, August Lauruschkat
unten, von links nach rechts
Fritz Liedtke, Ernst Niederstrasser, Friedrich Niklass, Franz Rasch


oben, von links nach rechts
Fritz Raulin, Martin Schimkus, Gustav Schmidtke, Friedrich Smok, Karl Stahr
unten, von links nach rechts
Martin Stonies, Rudolf Szesny, Fritz Tausendfreund, Paul Tuttas, Ernst Wieczorek

Von Breslau (Schlesien) nach Triefenstein/Marktheidenfeld
Die 1945/46 geflohenen oder vertriebenen Schwestern des schlesischen Diakonissen-Mutterhauses Lehmgruben in Breslau (heute Wroclaw, Polen) trafen sich 1946 im unterfränkischen Schloß Triefenstein und erbauten einige Jahre später im benachbarten Marktheidenfeld ein neues Mutterhaus.

Die bayerische Landeskirche hatte der Ansiedlung in Bayern nur unter der Bedingung zugestimmt, dass das Mutterhaus seinen Nachwuchs ausschließlich unter schlesischen Flüchtlingsmädchen anwerben dürfe. Dies bedeutete de facto einen Eintrittsstopp.

Die letzte Lehmgrubener Diakonisse, Oberin Gertrud Hampel, starb 2018 im Alter von 92 Jahren. Das damalige Mutterhaus wurde 1985 von der Rummelsberger Diakonie übernommen.


Oben: Diakonissen-Mutterhaus Lehmgruben (Breslau, um 1925), darunter Kinderpflege
unten: Aufruf zum Eintritt in das Lehmgrubener Diakonissen-Mutterhaus in Triefenstein/Ufr. (nach 1945)
© Diakoniemuseum Rummelsberg


Oben: Lehmgrubener Diakonissen in Triefensten (um 1949)
unten: Neubau des Diakonissen-Mutterhauses Lehmgruben in in Marktheidenfeld/Ufr. (nach 1950)
© für beide: DW Bayern, Fotoarchiv


Oben: Gruß des schlesischen Mutterhauses Lehmgruben (um 1946)
Unten: Lehmgrubener Schwestern in Marktheidenfeld (1970er Jahre)
© für beide: Diakoniemuseum Rummelsberg


Lehmgrubener Diakonissen in Triefenstein (um 1949)
© DW Bayern, Fotoarchiv

Ottobrunn und Stockdorf
Einige weitere diakonische Institutionen in Bayern haben ihre Wurzeln in den Fluchbewegungen der Nachkriegsjahre. So geht das Diakoniewerk Hohenbrunn im Berchtesgadener Land auf das »Mutterhaus für kirchliche Diakonie Ottobrunn« zurück. Es wurde 1945 von Frauen gegründet, die aus den vormaligen deutschen Gebieten in Osteuropa geflohen waren. Die Schwerpunkte des Mutterhauses lagen in der Kranken- und Altenpflege.

Auch der »Missionsdienst für Christus«, der nach 1945 im oberbayerischen Stockdorf beheimatet war und Flüchtlingsarbeit, Kinder- und Krankenpflege betrieb, war selbst von Flüchtlingen gegründet worden.


Oben: Diakonissen im Mutterhaus Ottobrunn (1956)
unten: Mutterhaus für kirchliche Diakonie in München mit Altenheim »Haus im Wald« in Ottobrunn, ca. 1970er Jahre
© DW Bayern, Fotoarchiv




Herkunft der Umsiedler und Flüchtlinge in Rummelsberg (1938–1947, unvollständig)

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg

Bayern nach 1945 (1)
Die Größe der Not und die Vielfalt der diakonischen Aufgaben nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lassen sich heute kaum ermessen. 1945 lag das Deutsche Reich politisch, moralisch und baulich in Trümmern, musste aber gleichzeitig Millionen von Menschen aus Ost- und Südosteuropa aufnehmen. Allein in Bayern kamen in wenigen Jahren rund zwei Millionen Flüchtlinge und Vertriebene an, von denen etwa 700.000 evangelisch waren.

Weil der Staat in zwölf Jahren NS-Diktatur jegliches Vertrauen verspielt hatte, kam den Kirchen eine besondere Rolle zu. Die Evangelische Kirche in Deutschland gründete eigens ein »Evangelisches Hilfswerk«, das in Bayern Teil der »Inneren Mission« war.


Aus der Diaserie »Flüchtlinge« (Gustav-Adolf-Werk/Evangelische Bildkammer Bayern 1949/50)
© LAELKB, AV 9.2.0005-156


Zerstörtes, bewohntes Haus
© C: LAELKB, DW Bayern 2494


Das Evangelische Hilfswerk in Bayern nach dem Stand vom 1.1.1947
© LAELKB, RD (alt), 95

Bayern nach 1945 (2)
Besonders herausgefordert waren Grenzlandstädte wie Hof, Selb oder Wunsiedel oder zentral gelegene Bahnhöfe wie in Würzburg, wo im Herbst 1945 täglich rund 1.000 Menschen ankamen. In dem 500-Seelen-Dorf Rittsteig bei Furth im Wald (Oberpfalz) lebten im Herbst 1945 bis zu 3.000 Flüchtlinge, darunter etwa 30 Personen eines evangelischen Flüchtlings­altersheimes. Die Zustände dort verdeutlicht das Zitat:

»Die Unterbringung ist katastrophal schlecht … es sind keine Betten vorhanden, für die meisten auch nicht einmal Strohsäcke. So schlafen die alten Leute auf dem Fußboden, meist nur mit einer zerlumpten Decke als Unterlage … Da es an Stühlen und Tischen mangelt, müssen sie den Tag über auch auf der Erde sitzen und auch in dieser Stellung essen …«

Das Hilfswerk sollte alle Menschen unterstützen, die in Not waren. Meistens waren jedoch Flüchtlinge und Vertriebene besonders hilfsbedürftig.

Das Hilfswerk sammelte in den Kirchengemeinden Geld, Kleidung und Lebensmittel, leitete aber auch Hilfsgaben aus dem Ausland weiter. Die Gaben reichten von Talar-Spenden für Flüchtlingspfarrer (1946) über Tücher für ein Entbindungsheim (1946), Holzbretter für Schreinerwerkstätten in Umschulungsheimen (1947) bis zu Fahrrädern für Pfarrämter (1949).

Allein bis zur Währungsreform sammelte das Hilfswerk 20,6 Millionen Reichsmark an Spenden, in den folgenden sieben Jahren weitere 5,9 Millionen DM. Zwischen April 1945 und Dezember 1947 wurden außerdem rund 16.500 Tonnen Lebensmittel, rund 750.000 Kleidungs-, Wäsche- oder Möbelstücke an über drei Millionen Hilfsempfänger weitervermittelt. Weitere 1.800 Tonnen Lebensmittel und 1.000 Tonnen Bekleidungsstücke kamen aus dem Ausland.


Verteilung einer Kartoffelspende in Ansbach (1949)
Bekleidungsausgabe in Ansbach und Bamberg (beide 1949)
© für beide: Neubauer/DW Bayern, Fotoarchiv


Lebensmitteltransport des Ev. Hilfswerkes in Oberbayern (1949)
© Neubauer/DW Bayern, Fotoarchiv


Flüchtlingsfürsorge in Bamberg (1949)
© Gardill/DW Bayern, Fotoarchiv


Broschüre des Ev. Hilfswerkes Bayern (1948)
© Diakoniemuseum Rummelsberg

Bayern nach 1945 (3)
In Bayern schuf die Innere Mission in kürzester Zeit 69 Flüchtlingsheime mit 6.500 Betten und elf Volksküchen. In zehn staatlichen Flüchtlingslagern mit weiteren rund 9.500 Plätzen waren Hilfswerkmitarbeiter tätig. Für Kriegsversehrte und Heimkehrer wurden eigene Umschulungswerkstätten und Erholungsheime eingerichtet. Ein Siedlungsreferat, aus dem 1949 das Evangelische Siedlungswerk hervorging, half den Flüchtlingsfamilien, sich dauerhaft in Bayern niederzulassen. Ein herausragendes Projekt war die Anlage des »Wichern-Dorfes« mit 150 Häusern in Nürnberg-Altenfurt.

Eine eigene Abteilung des Hilfswerks, die in München ansässig war, kümmerte sich um die Belange internierter und deutscher Kriegsgefangener. Gemeinsam mit anderen Wohlfahrtsorganisationen schuf der Landesverein für Innere Mission schon im August 1945 einen gemeinsamen Suchdienst, dessen Herz ein in München beim Bayerischen Roten Kreuz geführtes Karteisystem war.

1948/49 organisierte der eben gegründete Landesverband für Innere Mission (heute Diakonisches Werk Bayern) eine umfangreiche Fotodokumentation der diakonischen Arbeit in Bayern. Die Ergebnisse sind in einem kunstvoll gestalteten Fotoalbum zusammengefasst, das vermutlich auch als Verwendungsnachweis für Spenden diente und daher zweisprachig deutsch/englisch beschriftet ist.


Fotoalbum »Aus der Liebestätigkeit der Evang.-Luth. Kirche in Bayern. Innere Mission – Ev. Hilfswerk« (um 1950), Auszüge


Lebensmittelspende des Ev. Hilfswerkes in Bamberg (1949)

Altersheim in Burtenbach (1949)

Heimkehrer im Entlassungslager Hammelburg (Unterfranken)


Verteilung amerikanischer Pakete in Neuendettelsau (1949)

© für alle Fotoalbum »Innere Mission«, Diakoniemuseum Rummelsberg


Versehrtenwerkstätten der ev. Werkhilfe in Rothenburg o.d.Tauber (1949)
© DW Bayern, Fotoarchiv

Bayern nach 1945 (4)
Großen Wert legte man auf die seelsorgerliche Betreuung der Menschen mit Gottesdienst- und Gesprächsangeboten. Besondere Außenwirkung entfalteten die mehrtägigen Niederbayern-Reisen, bei denen Landesbischof Meiser in den Nachkriegsjahren vor Tausenden von Menschen auftrat. Notkirchen, wie sie etwa in Herzogsägmühle, Neufahrn oder Nürnberg-Schafhof bis heute erhalten sind, sollten die dauerhafte gottesdienstliche Versorgung sicherstellen.


Reisen von Landesbischof Hans Meiser in die niederbayerische Diaspora um 1949
© Diakonisches Werk Bayern, Fotoarchiv


Plakate der Inneren Mission und des Evangelischen Hilfswerkes in Bayern ca. 1945-1955
© LAELKB, Plakatsammlung

»So konnten wir helfen«
Das Evangelische Hilfswerk in Hof war für tausende von Flüchtlingen aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ, ab 1949 DDR) die erste Anlaufstelle. Dieser »Bildbericht« des Hilfswerkes aus den ersten Nachkriegsjahren erzählt die Geschichte eines jungen Mannes aus Sachsen, der in Hof mit Kleidung ausgestattet wird.

© LAELKB, DW Bayern, 2494


Heimkehrerbetreuung durch das Evangelische Hilfswerk
© AEWDE, Bildersammlung BA-CA_VII.4


Verteilung von amerikanischen Hilfsgütern durch das Evangelische Hilfswerk in Bayern
© DW Bayern, Fotoarchiv


Betreuung eines duchfahrenden Heimkehrerzuges im Bahnhof Ansbach durch das Evangeliche Hilfswerk Bayern (1949)
© Neubauer/DW Bayern, Fotoarchiv

Film »Es war ein Mensch«
1949/50 drehte der Regisseur Curt Oertel (1890–1960) im Auftrag der Inneren Mission den Dokumentarfilm »Es war ein Mensch«. Er zeigt diakonische Tätigkeiten aus ganz Deutschland, darunter viele Maßnahmen der Flüchtlingshilfe in Bayern.
Wir zeigen folgende Teile des Filmes:
Es war ein Mensch (Überblick)
Innere Mission Herzogsägmühle (Obb.)
Umschulungsheim für Versehrte der Ev. Werkhilfe in Rothenburg o.d.T.
Diakonissen-Mutterhaus Lehmgruben (Breslau) in Triefenstein (Ufr.)
Ev.-Luth. Heimkehrerheim Schloß Tutzing (Obb.)


Filmplakat »Es war ein Mensch«
© LAELKB, Plakatsammlung


Dreharbeiten zu »Es war ein Mensch« in Herzogsägmühle (oben), Schloß Triefenstein (unten) und Schloß Tutzing (ganz unten)
© DW Bayern, Fotoarchiv


Unten

Diakonisches Werk (1)
Innere Mission und Evangelisches Hilfswerk wurden 1957 zusammengelegt und 1965 zum »Diakonischen Werk« umbenannt. Der Schwerpunkt der Hilfstätigkeit lag noch lange auf der Fürsorge gegenüber deutsch­sprachigen evangelischen Aussiedlern aus Polen, Rumänien und der Sowjetunion. In Nürnberg befand sich viele Jahre die neben Friedland (Niedersachsen) zweite zentrale Durchgangstelle für Aussiedler nach Westdeutschland.

Im Herbst 1956 rückten in Ungarn sowjetische Truppen ein, um den Volksaufstand gegen das kommunistische Regime niederzuschlagen. Rund 200.000 Menschen flüchteten nach Westen, die meisten von ihnen nach Österreich und Westdeutschland. Das Evangelische Hilfswerk Bayern brachte in kurzer Zeit große Mengen Hilfsgüter nach Österreich. Erstmals unterstützte man in großem Umfang nichtdeutsche Flüchtlinge.


Eine Diakonisse versorgt einen »Ostzonenflüchtling« (1965)
© DW Bayern, Fotoarchiv


Telegramm des Aussiedlerlagers Friedland an die Bahnhofsmission Würzburg (1951)
© Banhofsmission Würzburg


Ungarische Studenten aus Sopron (oben) und einzelnes Kind (unten) im Flüchtlingslager Traiskirchen (Niederösterreich)
© DW Bayern, Fotoarchiv


Zeitungsbericht über die Ankunft von Flüchtlingen aus Ungarn in Würzburg (1956)
© Bahnhofsmission Würzburg



Kontrolle eines ungarischen Flüchtlingskonvois in Österreich
© DW Bayern, Fotoarchiv

Diakonisches Werk (2)
In den 1960er Jahren wurde die Arbeit internationaler: Das Diakonische Werk Bayern kümmerte sich jetzt – in Absprache mit den anderen Wohlfahrtsorganisationen – auch um die Belange von »Gastarbeitern« und deren Familien aus dem orthodox geprägten Griechenland. 1970 waren in eigens dafür geschaffenen Beratungsstellen elf hauptamtliche griechische Sozialarbeiter tätig.

Seit den 1970er Jahren kam ein breiterer Hilfsansatz gegenüber Migrantinnen und Migranten jedweder Herkunft und Konfession zur Geltung. Beratungsstellen der Diakonie leisten hierbei Unterstützungsarbeit für Geflüchtete, die meist aus Afrika oder Asien kommen. Ein wichtiger Standort diakonischer Fremdenfürsorge ist bis heute Zirndorf, wo in den 1960er Jahren das »Bundessammellager für nichtdeutsche Flüchtlinge« (heute Zentrale Aufnahmeenrichtung für Asylbewerber) entstand.


Griechische Folkloreveranstaltung und griechischer Altenclub der Stadtmission (Nürnberg, 1970er Jahre)
© DW Bayern, Fotoarchiv


Asylsuchende im Lager Zirndorf (1991)
© Fechter/epd Bayern


Plakate aus Mission und Diakonie (1970er und 1980er Jahre)

© LAELKB, Plakatsammlung


Hilfe für Geflüchtete gehört heute zu den gesellschaftspolitisch sichtbarsten kirchlich-diakonischen Tätigkeiten. Die Rummelsberger Diakonie engagierte sich seit 1998 in besonderem Maße für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und stellte ihre Aktivitäten ab 2014 unter das Motto »Fremde beherbergen«.
In Bayern bestehen derzeit 43 Beratungsstellen, die von den Fachberatern für Migrationarbeit im Diakonischen Werk Bayern koordiniert werden. Landeskirche und Diakonie betreibn seit 2022 den Unterstützungsfonds »Herberge 2.0«.

Die meisten Flüchtlinge und Vertriebenen kommen gegenwärtig (2023) aus der Ukraine, Syrien, Afghanistan und dem Irak.


Berufsqualifizierung für Geflüchtete im Werkhof Amberg-Sulzbach (2019)
© DW Bayern

Rummelsberger Diakonie »international«

Die rund 6.500 Mitarbeitenden der Rummelsberger Diakonie kommen aus über 80 verschiedenen Ländern. Sie kamen als Fremde nach Deutschland, manchmal unter abenteuerlichen Umständen.
Heute arbeiten sie überall in Bayern als Kinderpflegerin, Quartiermanager, Haustechniker, Integrationsberaterin, Erziehungshelfer oder in anderen Berufen. 24 von ihnen stellen sich hier kurz vor.


Impressum

Gesamtkonzeption:
Dr. Thomas Greif

Planung:
Dr. Thomas Greif
Martina Fritze
Andrea Buchfink
Jochen Kleinhenz
Dr. Gabriele Wiesemann

Ausstellungsgrafik:
kleinhenzgrafischesbuero (Würzburg)

Druck & Raumgestaltung:
Schilder-Heinikel UG (Nürnberg)

Filmarbeiten:
bild-schön Medienproduktion,
Axel Mölkner-Kappl (Neuburg/Donau)
Lorenz Schuster (München)

Bildreproduktionen:
Robert Sauerbeck

Medientechnik:
Berufsbildungswerk der Rummelsberger Diakonie e.V.

Organisation:
Marc Kenty

Mit freundlicher Unterstützung von

Schreinerarbeiten:
Die Rummelsberger Schreinerei

Malerarbeiten:
Die Rummelsberger Malerei

Besucherarbeit:
Besucherdienst der Rummelsberger Diakonie e.V.
Martina Fritze
Andrea Buchfink

Ehrenamtlichenteam:
Gabriele Gerndt
Christa Geyer
Maria und Willi Haas
Günter Königbaur
Ursula Kluge
Siegfried Laugsch
Heinz Storner
Georg Weber
Ursula Winterstein

Trägerschaft:
Rummelsberger Diakonie e.V.

Wir danken:

Archiv für Diakonie und Entwicklung, Berlin
Bahnhofsmission Würzburg
Bank für Sozialwirtschaft
Hauptarchiv der von Bodelschwinghschen Stiftungen, Bethel
Bezirk Mittelfranken
Bundesarchiv, Berlin
Caritas Würzburg
Gertrud Dembowski, Schwarzenbruck
Deutsches Auswandererhaus, Bremerhaven
Diakonisches Werk Bayern, Nürnberg
Ecclesia Versicherungsdienst GmbH, Detmold
Epd-bild, Frankfurt am Main
Evangelische Diakonissenanstalt Augsburg
Ev.-Luth. Dekanat Augsburg
Ev.-Luth. Kirche in Bayern
Evangelischer Presseverband für Bayern
Willi Haas
Landeskirchliches Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Bayern, Nürnberg
Landeskirchliches Museum der EKR, Hermannstadt/Sibiu (Rumänien)
Landesmuseum Salzburg
Landesstelle für Nichtstaatliche Museen, Weißenburg
Lernort Sozialdorf Herzogsägmühle
Löhe-Zeit-Museum Neuendettelsau
Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg i. Allgäu
Matthias-Film GmbH
Bankhaus Metzler, Frankfurt am Main
Stiftung Neu Pasua, Reutlingen
picture alliance
Johannes Schliffka, Erlangen
Lorenz Schuster, München
Versicherer im Raum der Kirchen
Wikipedia

… sowie den Mitarbeitenden der Rummelsberger Diakonie für ihre Beteiligung am Projekt »Rummelsberger aus aller Welt« und den Studierenden, die das Altarbild nachgestellt haben.

Sollten versehentlich Urheber- oder Persönlichkeitsrechte an Abbildungen nicht berücksichtigt worden sein, werden die Rechteinhaber gebeten, sich mit dem Diakoniemuseum in Verbindung zu setzen.

Wir danken den Sponsoren der Ausstellung

Aktuelle Ausstellung bis Dezember verlängert

Dia aktuelle Ausstellung "Fremde beherbergen" ist noch bis 12. Dezember 2025 zu sehen. Für Kurzentschlossene: Buchen Sie eine Führung und gewinnen Sie spannende Einblicke, warum Menschen ihre Heimat verlassen. Und erfahren Sie, was es braucht, damit man sich an neuem Ort gut beheimaten kann.